Wearables im Spitzensport

Wearables im Spitzensport

Aufbruch in die Moderne / von Erik Eggers

Dem Handball die letzten Geheimnisse zu entreißen – das ist die ehrgeizige Idee eines Daten-Projektes von DHB, IAT und Kinexon. Die großen Ziele, die dahinterstehen: die Perfektionierung des Trainings und eine attraktive Präsentation des Spiels im Fernsehen.

Der eine Test war beendet. Anna Loerper schnaufte noch etwas nach ihrem ersten Spiel als Kapitänin der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Aber die Regisseurin vom TuS Metzingen lächelte selig nach dem klaren 32:18-Sieg gegen Spanien am 7. Oktober 2016 und genoss die Ovationen der 2.200 Fans in der Inselparkhalle in Hamburg-Wilhelmsburg. „Das hat heute so viel Spaß gemacht“, sagte Loerper. „Das war ein guter Schritt auf dem Weg zur Heim-WM im nächsten Jahr.“

Der andere Test war in der Hitze des Gefechtes in Vergessenheit geraten. „Oh, daran habe ich während des Spiels nicht einen Moment gedacht“, lachte Loerper, angesprochen auf den Feldversuch, der weit in die Zukunft des Handball-Spiels weisen soll. Erst in diesem Moment fiel ihr wieder ein, dass sie während des Matches diesen kleinen Transponder, eingewebt in ihrem Bustier, eng an ihrem Körper trug. „Das Ding ist so klein und leicht, dass man das während des Spiels gar nicht bemerkt“, sagte Loerper über den Chip, der zwischen ihren Schulterblättern angebracht war.

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Dirk Büsch (l.) und Wolfgang Sommerfeld diskutieren den Feldversuch

Nur ein paar Meter entfernt, auf dem Gang unter dem Dach der Halle, registrierte man auf einem Laptop jeden ihrer Schritte, jede Bewegung. Nahezu jede deutsche Nationalspielerin war vernetzt. Kleine rote Kreise mit Nummern, welche die Trikotnummern nachempfinden, sausten auf dem Bildschirm des kleinen Computers hin und her. Die Daten, welche der Transponder über insgesamt zwölf Empfänger während der Partie an den Rechner geschickt hatte, verwandelten Loerper und ihre Kolleginnen in gläserne Athletinnen.

Wie viel Spielzeit Loerper gegen Spanien absolviert hatte; wie viele Kilometer sie auf welchen Wegen auf dem Spielfeld gelaufen war; wie schnell ihre Spitzengeschwindigkeit war; wie hoch ihre Geschwindigkeit im Schnitt ausfiel; wie oft sie gesprintet war und wie oft und wie lange sie sich ausgeruht hatte – das alles (und noch viel mehr) war nach dem Abpfiff mit einem Knopfdruck zu erfahren.

Der Transponder, der leicht in eine Handfläche passt und nur ein paar Gramm wiegt, ist eines der zentralen Elemente in dem ambitionierten Projekt, das der Deutsche Handballbund (DHB) seit gut einem Jahr in Kooperation mit dem Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig und dem Münchner Unternehmen Kinexon mit Macht vorantreibt. Das Länderspiel in Hamburg war lediglich der erste Feldversuch. Mit einem sehr positiven Ergebnis, urteilte Dr. Dirk Büsch, der als Leiter des „Fachbereichs Technik-Taktik“ im IAT das Projekt für die  Sportwissenschaft verantwortet. „Natürlich muss man hier und da noch nachjustieren, aber das ist normal“, sagt Büsch, der einst beim THW Kiel unter Noka Serdarusic als Co-Trainer arbeitete. „Alles hat im Großen und Ganzen schon sehr gut geklappt.“

„Das Ding ist so klein
und leicht, dass man
das während des Spiels
gar nicht bemerkt“

Anna Loeper über den Chip im BH

Die Idee hinter diesem Vorhaben ist nicht weniger als die umfassende Vermessung des Leistungshandballs. Das Ziel besteht letztlich darin, das Spiel so detailliert wie möglich in einzelne Daten und Zahlen zu zerlegen, damit man mit Hilfe dieser Zahlenkolonnen in der Lage ist, die verschiedenen Parameter des Leistungshandballs so konkret aufzubereiten, dass Trainer und Leistungsdiagnostiker den Trainingsaufbau und die Regeneration punktgenau steuern können. Aber auch zentrale Größen wie Energieverlust während des Spiels sollen bestimmt werden. „Es ist grundsätzlich messbar, was passiert, wenn zum Beispiel Kräfte von 1.000 Newton und mehr auf einen Spielerkörper einwirken“, sagt Büsch. „Jeder Spieler wird durch solche Impacts langsamer.“

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Der Transponder

Der gesamte DHB-Trainerstab hatte 2015 beschlossen, dieses Projekt anzugehen. „In zwei oder drei Jahren wird die Erhebung solcher Daten im Handball überall Standard sein, so wie seit Jahren die Pulsuhr“, davon ist Axel Kromer, einer der beiden Assistenten des Bundestrainers Dagur Sigurdsson, fest überzeugt. „Mich interessiert vor allem, wie man solche Profile nutzen kann, um zielgerichtet Trainingsdefizite anzugehen.“ Darauf richtet auch DHB-Sportdirektor Wolfgang Sommerfeld seinen Fokus: „Aus meiner Sicht sind vor allem die Daten interessant, die man für die Leistungsdiagnostik im Handball nutzen kann, und ich freue mich, dass wir mit der konkreten Anwendung hier in Hamburg auf diesem Weg weiter vorangekommen sind.“

Der Empfänger in der Hand

Der Empfänger in der Hand…

Die Erhebung dieser Daten stellte im Handball bisher unbekanntes Land dar. In anderen professionellen Sportarten freilich gehören sie längst zum Alltag. In den wichtigsten Rugby-Ligen oder im American Football wird heute jede Bewegung durch Daten dargestellt. Selbst im Fußball, der lange Zeit hinterherhinkte, hat die Moderne inzwischen Einzug gehalten, wie das Beispiel des Labors in Hoffenheim belegt. Kinexon zählt mit seinen Systemen zu den Marktführern in diesem Segment, weiß Büsch. „Und jetzt macht Kinexon auch im Handball sehr viel Druck, um das System maßgerecht auf den Handball zuzuschneiden.“

...und angebracht an der Empore der Halle

…und angebracht an der Empore der Halle

„Wir wollen helfen, Potenziale auszuschöpfen“, sagt Maximilian Schmidt, einer der Kinexon-Geschäftsführer, und er ist zuversichtlich, dass das auch im Handball klappt. Der Schwedische Handballverband hat das System des Unternehmens bereits für seine Nationalmannschaften erworben. „Die Schweden wollen auf diese Weise Belastungsprofile erheben, das ist der Hauptgedanke“, erklärt Schmidt. Die Periodisierung der Belastung sei für die Trainer extrem interessant.

Auswertungs-Grafik einer Spielerin

Auswertungs-Grafik einer Spielerin

In der Praxis eingesetzt wurde es bei den Schweden erstmals im frühen Herbst, beim Vierländer- Turnier der Frauen in Polen, wo die Schweden die Daten auch den Gegnerinnen aus der Slowakei, Polen und Island zur Verfügung stellten. „Auch die anderen Mannschaften haben unsere Sensoren getragen, also die Daten gemeinsam erhoben und geteilt“, berichtet Maximilian Schmidt. „Andere Nationen sind extrem neugierig, was man mit hoch genauen Positions- und Leistungsdaten anstellen kann. Jedem Trainer geht es im Wesentlichen darum, ein Gefühl für die Belastungswellen im Spiel oder für die Müdigkeit am Ende des Spiels zu bekommen. Fitte Spielerinnen und Spieler gewinnen am Ende auch mehr Spiele. Und um nichts anderes geht es letztlich.“

Derlei Überlegungen existieren schon lange. Nur waren die Transponder für den Handball bislang zu klobig und zu schwer. „Als wir vor etwa zehn Jahren im Hockey mit diesen Experimenten in Kooperation mit einer der ersten Firmen in diesem Bereich begannen, trugen die Spieler noch schwere Westen, und aus diesen Westen ragten zwei Antennen raus“, erinnert sich Büsch. Dieses Problem ist, wie der Bericht Loerpers dokumentiert, inzwischen gelöst. „Die Spieler bemerken das kaum noch.“

„Mich interessiert
vor allem, wie man
solche Profile nutzen
kann, um zielgerichtet
Trainingsdefizite
anzugehen.“

DHB-Trainer Axel Kromer

Die Positionsdatenbestimmung, wie sie das Kinexon-System ermöglicht, taugt nicht nur als Basis für den gezielten Trainingsaufbau oder eine maßgerechte Regeneration. Diese Daten sind auch von direktem taktischen Nutzen während des Spiels. So ließe sich zum Beispiel eine bestimmte Spielszene von allen Seiten, auch aus Torwartsicht, in der Pause mit ein paar Klicks aufbereiten. „Manchmal fragt man sich als Trainer ja, warum ein Spieler in einer bestimmten Situation nicht in die Lücke stößt“, erklärt Büsch. „Durch die Aufbereitung der Positionsdaten aus allen Winkeln wird es dann manchmal deutlich.“

Fehlt nur noch das Tüpfelchen auf dem i: Die exakte Bestimmung des Balles. Auch im Spielgerät muss ein Transponder angebracht sein. „Alle Positionsdaten sind nur dann wirklich verständlich, wenn sie auch in Bezug zum Ball gesetzt werden können“, sagt Büsch. „Uns nützen die anderen Daten für Spielanalysen recht wenig, wenn wir nicht wissen, wo der Ball ist.“

Diese Technik ist ausgesprochen kompliziert, auch weil die Bälle unterschiedlich stark aufgepumpt sind. Ein Profi wie Andy Schmid, der recht kleine Hände hat, bevorzugt beispielsweise weiche Bälle. Aber auch da stehe man nach vielen Versuchen mit Bällen des dänischen Herstellers Select vor dem Durchbruch, erklärt Schmidt. „Die Integration unseres Sensors in den Ball ist nahezu fertig. Der Ball funktioniert im Training sehr gut, da sind wir soweit“, sagt Schmidt. „Und das hebt uns auf ein völlig anderes Level als bisher – insbesondere in der Taktikanalyse.“

Empfangsstation beim Test gegen Spanien

Empfangsstation beim Test gegen Spanien

Sogar den Drall des Balles wollen sie dann erforschen. Die Daten dafür könnte ein Gyroskop liefern, ein klitzekleines Kreiselinstrument im Chip. Damit ließe sich der Effet, den Spezialisten wie Uwe Gensheimer und Rune Dahmke bei Drehern dem Ball mitgeben, mathematisch und grafisch abbilden. Auf Basis möglichst vieler Würfe wird es dadurch möglich sein, mathematische Modelle für den perfekten Dreher vom Flügel zu entwickeln. „Das sind zumindest Ideen, die wir dazu haben“, sagt Büsch.

Die Zusammenarbeit mit Select ergibt sich aus der Kooperation Kinexons mit der Europäischen Handball Föderation (EHF), die das zweite große Geschäftsmodell solcher Systeme zum Ziel hat: die Möglichkeit, die letzten Geheimnisse des Leistungshandballs noch während des Spiels dem TV-Zuschauer durch Grafiken und Statistiken verständlich zu machen.

„Wir wollen
helfen, Potenziale
auszuschöpfen“

Maximilian Schmidt (Kinexon)

Kein Wunder, dass bei TV-Sendern wie Sky, die das Spiel möglichst attraktiv präsentieren wollen, große Nachfrage nach diesen Daten besteht. Der Gedanke, ein Handballspiel in der EHF VELUX Champions League in seine Einzelteile zu zerlegen und mit Laufstrecken, Geschwindigkeits- bzw. Beschleunigungsvorteilen oder Sprunghöhenunterschieden das Spiel zu analysieren, hat die Verantwortlichen beim Pay-TV-Sender längst fasziniert (siehe Ausgabe HANDBALL inside # 9/2016). Die redaktionellen Konzepte dafür sind vorhanden.

Auch hier hat Kinexon, in Zusammenarbeit mit der EHF und den Clubs, schon viele Versuche unternommen. Diese Analysen werden, da sind sich die Marktteilnehmer alle einig, in naher Zukunft gleichfalls zum Standard im Handball zählen. „Logischerweise ist das für den Zuschauer sehr interessant, diese Daten zu sehen, wenn Zeitz einen Ball mit 134 Stundenkilometern in die Maschen feuert“, sagt DHB-Trainer Axel Kromer.

Insofern zählt Anna Loerper zu den Pionieren auf dem Weg, die Sportart Handball zu modernisieren und für den Zuschauer attraktiver zu gestalten, und die Kapitänin der Nationalmannschaft findet das fantastisch. „Das hilft allen, den Spielern, den Trainern, den TV-Stationen und auch den Zuschauern“, sagte sie, als der Feldversuch hinter ihr lag. „Deshalb ist das absolut positiv für unsere Sportart.“ Erik Eggers

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst in: Handballjahr 2016 (S. 162-167), Sonderausgabe der Zeitschrift Handball inside. Er wird hier mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergegeben.

 

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