Wearables im Spitzensport

Wearables im Spitzensport

US-Athleten nutzen Neurostimulation: Hype oder neue Ressource zur Leistungsoptimierung?

Seit Jahren versuchen Sporttechnologieunternehmen durch die Entwicklung immer neuer tragbarer Technologien Spitzensportler bei der Optimierung ihrer Leistung zu unterstützen. Einen neuen Weg schlägt dabei Halo Neuroscience ein. Das US-Startup-Unternehmen setzt mit Halo Sport, einer Kombination aus Kopfhörer und Neurostimulator, auf das Prinzip der transkraniellen Gleichstromstimulation. Elektroden im Kopfhörer stimulieren durch gezielte leichte Stromstöße den Motorcortex, ein Areal im menschlichen Gehirn, das als Kommandozentrale für Motorik und Bewegungen fungiert. Laut Hersteller steigert dies die Erregbarkeit von Motoneuronen und trägt dazu bei, Leistung und Training von Sportlern signifikant zu verbessern.

Während oder vor einer Trainingseinheit soll der Athlet sein Gehirn mit dem Gerät 20 Minuten lang einem sogenannten „Neuropriming“ unterziehen. Dies soll bewirken, dass sich die neuronale Plastizität im Motorcortex für ca. eine Stunde erhöht, was wiederum zu einer Verbesserung der Muskelkoordination führen bzw. das Erlernen und Erinnern von Trainingsabläufen erleichtern soll.

Bereits im Vorfeld von Rio 2016 haben Sprinter und Hürdenläufer das System genutzt, um sich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Gegenwärtig arbeitet Halo Neuroscience mit einer Vielzahl von Teams und Athleten aus MLB, NFL und NBA zusammen, darunter die Golden State Warriors mit Superstar Stephen Curry.

Dabei ist die Frage offen, wie effektiv Geräte wie Halo Sport tatsächlich die sportliche Leistungsfähigkeit verbessern können. Halo Neuroscience beruft sich dabei auf eigene Forschungsarbeiten, bspw. im Rahmen einer Studie mit der United States Ski & Snowboard Association, um die Wirksamkeit des Produkts zu belegen.

Zwar existieren auch unabhängige Studien (siehe z.B. hier), die nahelegen, dass transkranielle Gleichstromstimulation die körperliche Leistungsfähigkeit in bestimmten Testszenarien steigern kann. Trotzdem sind verschiedene anerkannte Hirnforscher eher skeptisch, was die leistungsfördernde Wirkung angeht oder halten das Marketing für Halo Sport auf Grund der unbekannten Langzeiteffekte auf das menschliche Gehirn sogar für fragwürdig. So kritisiert etwa John Krakauer, Professor für Neurologie und Neurowissenschaften an der Johns Hopkins University School of Medicine, die Behauptung, die direkte Stimulation des Motorcortex könne die Athletik verbessern. Des Weiteren merkt er an, dass die Rolle des motorischen Kortex für die Athletik noch nicht vollständig verstanden sei.

Ähnlich äußert sich Charlotte Stagg, Leiterin der Physiological Neuroimaging Group (PiNG) im Department of Clinical Neurosciences an der Universität Oxford. Ihrer Meinung nach deuten genügend Beweise darauf hin, dass transkranielle Gleichstromstimulation sicher ist solange etablierte Protokolle befolgt werden. Trotzdem könnte es Nachteile geben, die bisher noch nicht klar geworden sind, so Stagg.  Sie hält es für unwahrscheinlich, diese Technik für die Verbesserung der sportlichen Leistung aktuell schon nutzen zu können. „Das liegt daran, dass die Wissenschaftler die Auswirkungen auf den motorischen Kortex im Moment nur im Rahmen von Laborstudien mit relativ einfachen Aufgaben verstehen. Athletisches Training ist komplexer und spricht darüber hinaus mehr Muskeln und Hirnregionen an“, ergänzt Prof. Stagg.

Wie die kontroversen Expertenmeinungen zeigen, ist die Wirksamkeit dieser Technologie noch nicht hinreichend nachgewiesen. Es bleibt spannend, wie sich diese neue Technik in den nächsten Jahren weiterentwickelt und ob sie perspektivisch für den deutschen Spitzensport nutzbar gemacht werden kann. Hierbei müssen neben der potentiellen Leistungsoptimierung sowohl ethische als auch gesundheitliche Aspekte im Vordergrund stehen.

 

 

 

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